PostHeaderIcon Das sinnlose EDM Geballer und die Resident-DJs

Gelesen und geklaut von Gordon von den Discoboys:

Halt Stopp! Bevor die Glöckchen süßer nie klingen und die Geschenke entpackt werden, möchte ich um Deine geschätzte Aufmerksamkeit bitten. 2014 neigt sich dem Ende entgegen und viele Clubmacher sind froh: Die WM im Sommer war nur ein Grund für ein schweres Jahr als Besitzer einer Räumlichkeit mit Bar und Tanzfläche. Freitags wird weiterhin vielerorts vergeblich auf Gäste gewartet. Durch die Konzentration auf Samstag als teilweise einzigem Öffnungstag reicht am Monatsende die Kohle nicht, um die Pacht zu bezahlen. Da ist es doch verständlich, dass als Erstes an gebuchten DJs gespart wird. Denn diese kosten Geld – und das sitzt längst nicht mehr locker.

Neben teilweise horrenden Gagen fallen Agenturgebühr, Hotel- und Reisekosten an, ganz zu schweigen von immer üppiger werdenden Bestellungen, auch „Artist-Rider“ genannt. Und wofür? Die aufgelegte Musik unterscheidet sich nicht! Überall läuft dasselbe in anderer Reihenfolge. Danke, liebes Internet, dass Du jeden noch so obskuren Track findest. Danke, liebe Hersteller von DJ-Technik, für Geräte, mit denen jeder auflegen kann. Danke, liebe Programmierer, für Software, die mit nur einem Klick verrät, wie das Stück heißt, das gerade läuft und die ganze DJ-Sets transparent im www abbildet. Musikalische Mysterien gibt es heute nicht mehr – genauso wenig wie Privatsphäre.

Die scheinbar einzige Währung, die heute zählt, sind Klicks. Je mehr Fans Du hast, desto eher wirst Du gebucht. Dass sich dadurch so manch einer an den Decks wiederfindet, der eben noch Comedian oder Soap-Darsteller war, verwundert nicht. Ob das für das wichtigste im Club – musikalische Qualität – spricht? Natürlich nicht! Hauptsache die Bude ist voll. Wenn dann ein solcher Möchtegern-DJ versagt und so sicher wie das Amen in der Kirche Fail-Videos folgen – umso besser. Popularität um jeden Preis. Peinlichkeit wird in bare Münze verwandelt. DJ kann jeder! Qualität muss draußen bleiben. Authentizität braucht kein Mensch. Aufmerksamkeit jeder.

Dieser Trend ist ein Grund für leerer werdende Clubs. Denn hier werden schlicht und einfach die Menschen verarscht, auf die es ankommt: Die Gäste bezahlen für jemanden, der als DJ angekündigt wird, aber keiner ist. Sie sind nur noch Füllmaterial, das für spektakuläre Bildbeweise sorgen soll, indem sie den Laden füllen und auf Anweisung Stimmung machen. Vorbei ist die Zeit, als der DJ nur mittels seines Mixes und seiner Musikauswahl einen Spannungsbogen erzeugen durfte und es selbst in der Hand hatte, wann die Hände auf der Tanzfläche in die Höhe schnellten. So viel Geduld hat niemand mehr. Wer ausgeht, will alles und das sofort. Es muss das Erwartete dargeboten werden. Überraschungen sind nicht erwünscht. Konfetti muss fliegen. Alles wird zum Event. „Mach‘ ich Foto. Tu‘ ich Facebook“. Wie ferngesteuert wirkt die Herde. Fremdbestimmt lebt es sich leichter. Das Gehirn kann an der Garderobe abgegeben werden.

Aber keine Sorge: Genauso wie sich Ohrenkrebs verursachendes EDM-Geballer in Kürze von selbst erledigt haben wird, wird auch oben beschriebene Missachtung jeglicher Definition von Club-Kultur bald vorbei sein. Der Richter ist das Publikum, das man nicht für dumm verkaufen kann und das Fehlen von Substanz schneller entlarvt, als Olli Pocher „Boris Becker ist ein Homo“ sagen kann. Sollte es nicht so kommen, plädiere ich für einen DJ-Ausweis, den man nach einer mindestens zweijährigen Tätigkeit als Resident-DJ erhält und ohne den man DJ-Kanzeln nicht mehr betreten darf.

Womit wir beim eigentlichen Thema wären: dem Resident-DJ. Er hat die schlechtesten Arbeitszeiten des Landes, immer Nachtschicht und das obendrein ausschließlich am Wochenende. Er schließt stets den Betrieb am frühen Abend auf und am Morgen danach wieder ab. Er serviert das musikalische „hors d’oeuvre“, lockt die ersten Gäste auf die Tanzfläche, für die Hauptspeise aber macht er Platz. Wenn der „Mainact“ kommt, hat der Resident Pause. Hilflos muss er zusehen, wie der Star des Abends Hit auf Hit raus ballert und ihm die Meute dankbar aus der Hand frisst. Vielleicht wundert er sich, warum Stücke, die er auch schon aufgelegt hat, viel heftiger abgefeiert werden. Bestimmt ist er neidisch darauf, dass der Gast-DJ ein vielfaches seiner Gage bekommt, muss er sich doch mit zwei- bis dreihundert Euro zufrieden geben – und das obwohl er seine Crowd am besten kennt und weiß, welches Stück als nächstes auf jeden Fall funktionieren würde.

So aber darf er am Ende die Reste rausfegen und muss die paar Leute zufrieden stellen, die ihm der Gast-DJ bis frühestens vier Uhr nicht weggespielt hat. Darum sind ihm die Nächte am liebsten, in denen kein anderer DJ hinzu gebucht wird und ihm für acht Stunden die Tanzfläche alleine gehört. Dieser Job ist kein Zuckerschlecken. Dieser Job ist hart, verlangt er doch von jemandem, der im Rampenlicht steht, dass er sich stets zur besten Zeit zurücknimmt und es anderen überlässt, die Lorbeeren einzuheimsen. Regel Nummer Eins eines jeden Booking-DJs lautet deshalb: „Respektiere den Resident“.

Ich finde es nur allzu verständlich, dass der Resident-DJ bei einer extrem vollen Hütte (was mitunter natürlich dem gebuchten Gast zu verdanken ist) ein bisschen von seinem Können zeigen möchte und den einen oder anderen Hit abfeuert, bevor der Kopfhörer gewechselt wird. Das hat schon 1998 der „beste Resident der Welt“ des Docklands Münster jedes Mal so gemacht, bevor er uns freundlicherweise die DJ-Kanzel überließ. Cutmaster Jays Spezialität war aber eine andere: Er scratchte mit House-Scheiben. Damals hatte der reisende DJ nur so viel Vinyl dabei, wie er tragen konnte – meistens eine Kiste mit 60-80 Maxisingles. Diese Challenge ist heute also ungleich leichter, da man auf einem 32 Gigabyte-USB-Stick fast seine ganze Plattensammlung mit sich führen kann, wo sich doch der eine oder andere Track finden lassen sollte, den der Resident-DJ noch nicht gespielt hat. Und sollte man Vollprofi sein und erst zwei Minuten vor Set-Beginn die DJ-Kanzel entern, kann es helfen, den Resident zu fragen, ob er die Nummer, die man als Erste ausgewählt hat, schon gespielt hat. Zugegeben: Bei einem vorproduzierten Z-Promi DJ-Set fällt diese Möglichkeit aus.

An dieser Stelle möchte ich kurz einen Shistorm erwähnen, der vor ein paar Wochen bei Facebook aufgekommen ist. Ein gewisser Jan Leyk hat ihn verursacht, weil er sich ausführlich über oben gehuldigte Arbeitnehmer aufgeregt hat. Der Mann mit einer beachtlichen siebenstelligen Zahl an Fans hat seine Worte nicht besonders weise gewählt, was ihm die Häme einer ganzen Zunft bescherte und weswegen er den Post leider wieder entfernte. Der Kern seiner Aussage war, dass der Resident gefälligst keine Hits zu spielen habe, die doch ihm als Gast vorbehalten seien und nicht mit dem Mikrofon dazu aufzurufen habe, die fucking Hände in die Air zu putten oder sich down zu sitten. Abgesehen davon, dass ich ja schon letztes Mal kundgetan habe, dass meiner Meinung nach kein DJ sich am Mikrofon versuchen, sondern lieber durch seine Musik zu den Menschen sprechen sollte, finde ich diese Art der Bevormundung einfach nur peinlich. Bestimmt wollte der gescholtene Resident-DJ einfach nur sauber abliefern. Hinterher öffentlich und schriftlich fertig gemacht zu werden, gehört sich nicht. Lieber hätte der angefressene Jan bei einem Jägermeister mit dem Übeltäter direkt darüber sprechen sollen. Aber so eine direkte Konfrontation ist wahrscheinlich zu old-school und nicht mehr angesagt. Darum: Vor dem Posten Gehirn einschalten, dann kann man sich danach das Löschen sparen. Fettes Dis-Leyk!

Neulich wurde ich gefragt, ob es möglich wäre, beim nächsten Auftritt ein bisschen old-school Sound zu machen. Ich erwiderte: „Ich mache nicht, ich bin old-school“. Es war der Abend, an dem der DJ vor uns 15 Minuten vor unserem Auftritt als „The Disco Boys“ einen gravierenden „faux-pas“ beging: Er spielte unseren Dauerbrenner, Evergreen, größten Hit „For You“. In der Original-Version. In voller Länge. Das ist in etwa so, als würde der DJ vor Robin Schulz sein Set mit „Waves“ beenden. Oder der vor Klangkarussell mit „Sonnentanz“ übergeben. Oder der Anheizer von Helene Fischer „Atemlos“ spielen. Wir waren erst sprachlos, haben uns dann aber bedankt, weil wir es nicht mehr spielen müssen – es am Ende aber trotzdem noch einmal auflegten. Denn eins habe ich von den Resident-DJs gelernt: Das DJ-Pult ist nicht der richtige Ort für falsche Eitelkeit! Oder um es mit Adi Preißler zu sagen: „Grau ist alle Theorie – entscheidend ist auf’m Platz!“ – wobei der Platz in unserem Fall die Tanzfläche ist.

Und sonst? Klappe halten, weiterfeiern! Denn es geht des Nachts nicht darum, die Welt zu retten, sondern nur mittels Musik den Anwesenden eine gute Zeit zu bereiten.

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